Der Kakaopreis stürzt ab – und mit ihm fällt die letzte Illusion, dass sich die Schokoladenindustrie von selbst reformieren wird.

Innerhalb eines Jahres ist der Kakaopreis von 11’000 auf heute 3’000 Dollar pro Tonne Kakao gefallen, nachdem er zuvor innert eines Jahres von 2’500 auf 11’000 Dollar gestiegen war. Zuvor pendelte er jahrzehntelang zwischen 1’500 und 2’500 Dollar pro Tonne. Die Zahlen sind nicht exakt, zeigen aber die Dimension der Risiken und Potenziale, in denen sich der weltweite Kakao- und Schokoladesektor bewegt.
Aufgrund der ungleich verteilten Machtverhältnisse zwischen Schokoladeproduzenten, Kakaohändlern, Staaten, Zwischenunternehmen, Kooperativen und Kakaofarmer:innen liegen die Risiken vor allem in den Kakaoproduktionsländern, während die Potenziale in den Händen der grossen Händler, Schokoladeproduzenten und Kakaokonsumländer wie der Schweiz konzentriert sind. Dies gilt insbesondere bei einem Kakaopreis-Crash! In dieser Einschätzung klammere ich all jene Menschen aus, die im Sektor tätig sind, inklusive Konsumierende, die weder direkten Risiken noch Chancen ausgesetzt sind, sondern stillschweigend im Erfolg der Schokoladeindustrie mitschwimmen – getragen von geschicktem Marketing, einem global geprägten Narrativ, kolonialen Wirtschaftsstrukturen, technologischen Entwicklungen und dem Finanzplatz Schweiz.
Diese Einteilung ist grob und wird der Komplexität des Marktes keineswegs gerecht. Trotzdem wage ich zu behaupten, dass weder der Preissprung noch der Preissturz etwas mit Gerechtigkeit zu tun haben.
Das System ist kaputt – und alle wussten es
Jetzt, während des Kakaopreis-Crash, sprechen Analyst:innen von einem Markt, der von Knappheit in Überschuss kippt: bessere Ernten in Westafrika, volle Lager, steigende Exporte – und eine Nachfrage, die nach drei Jahren schwindelerregender Preise erst einmal verdauen muss. Vor Kurzem klang die Analyse noch komplett anders: Einbruch der Ernten in Westafrika aufgrund schlecht gepflegter Plantagen, Krankheiten und Klimawandel, tiefe Lagerbestände und Spekulation führten zum stärksten Preisanstieg seit Jahrzehnten.
Über Jahrzehnte hinweg bewegte sich der Kakaopreis zwischen 1’500 und 2500 Dollar pro Tonne Kakao. In dieser Zeit haben grosse Schokoladen- und Handelsunternehmen davon profitiert, dass Kakaobäuer:innen weit unter den Kosten einer nachhaltigen Produktion bezahlt wurden.
Wer profitiert in diesem System und wer verliert? Die Antwort ist offensichtlich: Die Unternehmen und stillschweigenden Mitschwimmer:innen profitieren, die Kakaoproduzierenden verlieren – in beiden Fällen, sei es bei Preisanstieg oder Preissturz.
Warum ist das so?
Grob gilt für die Farmer:innen: Viel Geld für wenig Kakao oder wenig Geld für viel Kakao. Im Falle des marktbedingten Preisanstiegs leiden die Produzent:innen unter dem Ernteeinbruch, dem Klimawandel, der ihr Leben ganzheitlich beeinflusst, dem Forward-Selling-System von Ghana und der Elfenbeinküste, das die hohen Preise nicht weitergeben kann (1), der Tatsache, dass sich der Preis inflationsbereinigt kaum erhöht, den Umständen, den Kakaopreis nicht selber absichern zu können, unter den erhöhten Inputpreisen, die sie nicht weitergeben können (2), der Investitionsunsicherheit – und nicht zuletzt unter den selbstgefälligen Kommentaren von Analyst:innen und Unternehmen, welche den Farmer:innen raten, sich mit den Mehreinnahmen keine Swimming-Pools und neue Autos anzuschaffen und keinen Wald zu roden, sondern zu sparen und zu investieren (3).
Schokoladeunternehmen hingegen sind durch ihre mächtige Cluster-Vernetzung mit der Finanzindustrie, den Behörden, Universitäten und prallvollen Werbebudgets selbst für die Situationen der Vervierfachung des Rohstoffpreises abgesichert. Sie können ihre höheren Inputkosten in Form steigender Verkaufspreise an die Kundschaft weitergeben und ihre Gewinnmargen stabilisieren, indem sie Preisrisiken absichern und Kakaoterminkontrakte an Warenterminbörsen abschliessen. Premiumisierung, Markenaufschläge, Portfolioverschiebungen – die Werkzeuge waren und sind da, und sie wurden genutzt.
Beispiel Lindt: Die Firma ist so gut positioniert, dass die eigene Kundschaft 30% höhere Preise für Schokolade akzeptierte (4), das Werbebudget substanziell erhöht werden konnte (5), die Dividenden stiegen, der Umsatz 2025 um 8 Prozent erhöht wurde (6) und die Gewinnmargen auf den Schokoladeprodukten auch nach über 20 Jahren um die 70 Prozent liegen (7). Um den unsicheren Zöllen der USA zu entgehen, verschiebt die Firma die Aufträge nach Europa.
Schokoladefirmen können sehr wohl höhere Kakaopreise bezahlen
Die Schokoladefirmen haben bewiesen: Sie können also doch höhere Preise für Kakao bezahlen – entgegengesetzt ihrer jahrzehntelangen Behauptungen. Nicht freiwillige Einsicht hat das geändert, sondern eine historische Versorgungskrise, politische Skandale und neue Gesetze wie die EU-Entwaldungsverordnung oder CSDD. Erst der Druck von aussen zwang die Branche, den Preis überhaupt als Gerechtigkeitsfrage zu erkennen.
Und nun? Was ist mit dem Anteil, der tatsächlich bei den Kakao-Produzent:innen ankommt? Der muss politisch erkämpft werden. Denn zurzeit befindet sich der Kakaopreis im freien Fall, und es gibt noch kein Auffangnetz dafür.
Indes kündigen fünf der weltweit grössten Schokoladeunternehmen – Mars, Lindt & Sprüngli, Mondelēz, Nestlé und Hershey – eine neue Initiative an. Sie wollen mit der neuen TogetherCocoa Foundation in Genf gemeinsam gegen die Einkommenslücke von Kakaoanbauenden in Côte d’Ivoire und Ghana vorgehen. Die Stiftung soll bestehende Einzelprogramme bündeln und industrieweite Massnahmen vorantreiben, um die Resilienz der Kakaolieferkette zu stärken – konkrete Inhalte und finanzielle Zusagen stehen allerdings erst am Anfang und bleiben vorerst vage.
Mein erster Gedanke dazu: Zusammenarbeit mit Regierungen und NGOs ist notwendig. Als Vergleich: Die International Cocoa Initiative (ICI), die sich seit 2002 ausschliesslich der Thematik «Kakao und Kinderarbeit in Westafrika» widmet, ist eine sogenannte Multistakeholder-Initiative und kann ihre Arbeit nur dank solchen Partnerschaften ausüben. Auch diese Initiative ist auf politischen Druck hin gegründet worden: Sie entstand 2002 als politischer Kompromiss, weil die grossen Schokoladenkonzerne ein Gesetz verhindern wollten, das sie zu einem «child slavery»-Hinweis auf ihren Verpackungen verpflichtet hätte – eine freiwillige Brancheninitiative, die lange kaum Wirkung zeigte, weil sie chronisch unterfinanziert war, heute allerdings wertvolle Arbeit leistet.
Wenn der Preis fällt, zahlen die Falschen
Westafrika steht vor einer grossen Ernte, so die Prognosen. In Lateinamerika wurden die Plantagen ausgeweitet. Gleichzeitig fehlen Käufer:innen (Händler), und mit ihnen die Planungssicherheit für die Menschen, die den Kakao anbauen.
Und jetzt, wo die Rohstoffpreise fallen? Werden Lindt, Ferrero, Nestlé und Co. ihre Schokoladepreise senken? Wohl kaum. Werden sie damit den Farmgate-Preis stabilisieren? Wohl kaum. Die Margen werden vermutlich nach oben gesichert.
Die Folgen? Die Akteure in den Produktionsländern bezahlen den Preis, allen voran die Bäuer:innen, sie werden zurück auf Feld eins geworfen, die einen mit Schulden und leerem Portemonnaie, die anderen mit noch grösserer Armut konfrontiert, und die Glücklicheren weichen auf andere Kulturen aus – Gummi, Cashew, Palmöl – oder wandern in illegale Goldminen ab, mit verheerenden Folgen für Wasserwege und Umwelt. Das ist keine Spekulation. Das passiert gerade.
Was tun, wenn die Börsenpreise fallen?
Die Firmen können einer Reihe von Aktionslinien folgen:
• Faire Preise zahlen: Statt die Einsparungen über Margen einzustecken, weiterhin Preise zahlen, die zumindest ein existenzsicherndes Einkommen sichern.
• Rezepttricks vermeiden: Preisschwankungen nicht über weniger Kakao, kleinere Tafeln oder billigere Zutaten kompensieren, sondern über langfristige Verträge, bessere Einkaufspraktiken und geteiltes Risiko mit den Kakaoproduzent:innen.
• In Resilienz investieren: In Diversifizierung und klimaresistente Systeme investieren, damit Haushalte nicht bei jedem Preiseinbruch in Armut und Landflucht gedrückt werden.
• Transparenz schaffen: Lieferketten deutlich transparenter machen und Bäuerinnen und Bauern als gleichberechtigte Mitentscheidende in Programme und Governance einbinden.
• Regulierungen stärken: Statt Regulierungen zu blockieren oder abzuschwächen, sollten jene bestraft werden, die weiter auf Kosten der Produzent:innen sparen, und jene belohnt werden, die mehr zahlen.
• Neue Generation beachten: Ein Auge werfen auf die neue Generation an Schokoladeproduzent:innen, die sagen können, wie viel sie für den Kakao bezahlen, und Schokolade herstellen mit Aromen, die nach gutem Kakao schmecken.
Was Konsumierende tun können
Der aktuelle Crash legt schonungslos offen: Marktpreise allein garantieren keine fairen Einkommen. Wie jedoch sollen wir uns im Dschungel von Labels, Versprechen, Skandalen, Gesetzen und Werbung orientieren und dazu beitragen, dass Bäuerinnen und Bauern fair bezahlt werden und wir gute Schokolade für unser Geld bekommen?
Hier ein paar Tipps:
• Wie beim Wein: Informiere dich über die verwendete Kakaosorte, Anbauregion, Herstellungsjahr und das Aromaprofil. Je mehr Informationen der Hersteller oder die Herstellerin zur Verfügung stellt, desto ehrlicher meist die Schokolade.
• Weniger ist mehr: Setze auf Qualität statt Quantität. Geniesse lieber eine kleinere Menge hochwertiger, nachhaltig hergestellter Schokolade.
• Politisch denken: Achte beim Einkauf darauf, woher die Schokolade stammt und wie sie produziert wurde. Indem du Produkte wählst, die fair gehandelt und unter sozial und ökologisch verantwortbaren Bedingungen hergestellt sind, setzt du ein klares Zeichen für mehr Gerechtigkeit entlang der gesamten Lieferkette. Unterstütze politische Initiativen, die sich gegen Ausbeutung und für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen.
• Sinnvoll schenken: Schenke Schokolade mit Bedacht – passe die Menge und Art der Schokolade bewusst an die Vorlieben der beschenkten Person an. So schenkst du mit Freude und verhinderst Foodwaste.
• Wissen teilen: Sprich mit Familie, Freund:innen und Kolleg:innen über nachhaltigen Schokoladengenuss. Teile dein Wissen zu den Hintergründen der Schokolade, zu fairen und ökologischen Aspekten und empfehle deine Lieblingsprodukte weiter. Gemeinsam kannst du bewussten Umgang mit Schokolade fördern, neue Genussmomente erleben und einen positiven Wandel anstossen.
• Ans Schoggifestival kommen: Am 29. März findet in der Mühle Tiefenbrunnen das fünfte Schoggifestival ehrundredlich statt. Dort findest du ehrliche Schokolade zum Einkaufen, erfährst auf Panels, was Marktmacht mit Schokolade-Aromen zu tun hat, wie ehrliche Schokolade entstehen kann und wie man einen Schoggisalami macht.
26. Februar 2026, Andrea Hüsser, Good Chocolate Hub
Hinweise:
[1] Weil zB die Ghanaische Regierung (Cocobod) 80% der Ernte bereits im Vorjahr zum damaligen tiefen Preis verkauft hat und den Händlern bis heute Kakao zu diesem Preis schuldet aufgrund der viel zu tief ausgefallenen Ernte – und aus diesem und diversen anderen Gründen zurzeit im bankrotten Zustand ist und weder LBCs noch Bauern bezahlt für die neue Ernte.
[2] zB Dünger und Pestiziden
[3] Wie zB im Radio-Beitrag am 11.3. 2025 auf SRF 1 .
[4] Auch wenn zB für Milchschokolade die Gesamtkosten für Kakaoprodukte geschätzte 10-20% betragen.
[5] zB 6 Millionen CHF für einen 30 Sek Werbespot während dem Superbowl 2024 in den USA (SRF)
[6] Obschon weniger Schokolade verkauft wurde (SRF)
[7] Siehe S 165 Cocoa Barometer 2025


